{"id":1938,"date":"2015-04-17T14:53:03","date_gmt":"2015-04-17T12:53:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.akjm.de\/akjm\/?page_id=1938"},"modified":"2022-12-19T15:09:26","modified_gmt":"2022-12-19T14:09:26","slug":"interview-mit-themen-frequenzen-magazin-der-sachsischen-landesanstalt-fur-privaten-rundfunk-und-neue-medien-vom-24-02-2015","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.akjm.de\/akjm\/interview-mit-themen-frequenzen-magazin-der-sachsischen-landesanstalt-fur-privaten-rundfunk-und-neue-medien-vom-24-02-2015\/","title":{"rendered":"Interview vom 24.02.2015 f\u00fcr &#8222;Themen + Frequenzen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<br \/>\n<strong>Wie problematisch sehen Sie den relativ freien Zugang zu Pornoseiten im Internet?<\/strong><br \/>\nMit weitgehend unkontrollierten Zug\u00e4ngen zum Internet haben Heranwachsende heute so fr\u00fch wie nie zuvor Zugang zu Pornografie. Problematisch ist das vor allem f\u00fcr Kinder, deren Skripte von Sexualit\u00e4t sich abseits realer Erfahrungen mit Sexualit\u00e4t gerade erst herausbilden. Hier k\u00f6nnen die (porno-)typischen Darstellungen von Sexualit\u00e4t und Geschlechterrollen zumindest irritieren und verunsichern, wenn sie die Entwicklung zu einer selbstbestimmten, gleichberechtigten Sexualit\u00e4t der Geschlechter nicht sogar empfindlich st\u00f6ren.<br \/>\nJugendliche begeben sich demgegen\u00fcber mit konkreten Erwartungen und Fragen in die Welt der Pornos \u2013 und kommen nicht selten mit Verunsicherungen und noch mehr Fragen zur\u00fcck. Mit Blick auf die anstehenden eigenen ersten Erfahrungen mit Sexualit\u00e4t setzt sie das, was sie aus Pornos kennen, zuweilen auch unter Druck. Hier reicht oft schon der Abgleich mit dem eigenen Ich, der Blick in den Spiegel, der Gedanke an die eigenen W\u00fcnschen und so weiter.<\/p>\n<p><strong>Welchen Einfluss haben stark sexualisierte Inhalte auf Kinder und Jugendliche? Sind sie damit \u00fcberfordert?<\/strong><br \/>\nBei der Frage von &#8218;Einfl\u00fcssen&#8216; sollten wir immer drei Ebenen auseinanderhalten: Denken \u2013 F\u00fchlen \u2013 Handeln. Auf der kognitiver Ebene kann mit dem Pornokonsum durchaus die Vorstellung einhergehen, eine auf den Faktor Lust reduzierte Sexualit\u00e4t im Allgemeinen und besondere Sexualpraktiken im Speziellen sind auch in der uns umgebenden Realit\u00e4t so weit verbreitet. Gerade junge Menschen mit noch fehlenden eigenen Erfahrungen im Bereich k\u00f6nnen hier ein schiefes Bild entwickeln.<br \/>\nAuf der Ebene der Emotionen beinhalten bereits Mainstreampornos Darstellungen, die Heranwachsende ekelig finden, Abscheu bei ihnen erzeugen. L\u00e4ngerfristig kann im Abgleich mit sexy Protagonisten von Pornos das Selbstwertgef\u00fchl sinken. Auch das Gef\u00fchl, den (vermeintlichen) sexuellen W\u00fcnschen anderer nicht entsprechen zu k\u00f6nnen, ist keine sonderlich angenehme Emotion, wenn man zum Beispiel das (vage) Gef\u00fchl hat, in einer Beziehung Dinge machen zu sollen, die man eigentlich gar nicht mag.<br \/>\nAuf Handlungsebene gibt es keine Wirkungen, sondern nur komplexe Wirkungszusammenh\u00e4nge, die keine klaren Tendenzen erkennen lassen. Sicher probieren auch junge Menschen sp\u00e4ter mal aus, was ihnen schon im Porno gefallen hat. Ein Lernen am &#8218;Modell Porno&#8216; mit nachhaltiger Ver\u00e4nderung der pers\u00f6nlichen Vorstellungen und Skripte von Sexualit\u00e4t ist nicht unbedingt abwegig, aber h\u00f6chst umstritten. Es gibt sogar Untersuchungen die zeigen, dass Menschen, die sich in der Jugend viele Pornos reingezogen haben, im Erwachsenenalter keine signifikant andere Sexualit\u00e4t in ihren Beziehungen leben als Menschen mit nur wenig Pornoerfahrung.<\/p>\n<p><strong>Welche Auswirkungen hat die oft unterw\u00fcrfige Pr\u00e4sentation von Frauen in Pornos oder im Porno-Rap?<\/strong><br \/>\nDas kommt immer darauf an, auf wen die medial repr\u00e4sentierten Stereotype treffen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn es bereits Analogien zum eigenen Leben gibt. Die Herabw\u00fcrdigung von Frauen zum austauschbaren Sexobjekt kann aber auch einer klaren Abgrenzung zum Gesehenen und Geh\u00f6rten dienen: &#8222;Nein, das will ich nicht!&#8220;<br \/>\nBeim Pornorap wissen wir aus Befragungen und Diskussionen, dass die weiblichen Fans hier keineswegs alle Frauen, sich als junge Frauen auch nicht selbst herabgew\u00fcrdigt sehen, sondern &#8217;nur&#8216; die so genannten &#8222;Bitches&#8220;, die es vielleicht nicht anders &#8218;verdient&#8216; haben. Das ist nat\u00fcrlich auch problematisch. Und damit l\u00e4uft das \u00dcbel der repr\u00e4sentierten Geschlechterverh\u00e4ltnisse freilich nicht komplett ins Leere. Aber die M\u00e4dchen selbst wollen nat\u00fcrlich sp\u00e4ter eher keine Bitches sein und werden entsprechenden Herabw\u00fcrdigungen aus dem direkten Umfeld eher aktiv begegnen.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern ist wirklich davon auszugehen, dass sich Jugendliche das Gesehene\/Geh\u00f6rte als Umgangsform annehmen? Welche Faktoren m\u00fcssen daf\u00fcr zusammenkommen?<\/strong><br \/>\nEs gibt viele Faktoren. Einer ist es nat\u00fcrlich das (erlernte) Geschlecht. Die Umgangsweisen von M\u00e4dchen und Jungen mit Pornografie, mit Darstellungen von Sexualit\u00e4t insgesamt sind in aller Regel grundverschieden. Auch die inhaltlichen Vorlieben, die pers\u00f6nlichen Grenzziehungen. Wichtig ist nicht zuletzt das &#8218;Genrewissen&#8216;: Wenn ich wei\u00df, was ein Porno ist und weshalb er genau so gemacht wird, kann ich die Darstellungen besser einordnen \u2013 auch in ihrer Bedeutung f\u00fcr mein Leben.<br \/>\nEin weiterer wichtiger Punkt sind nat\u00fcrlich die eigenen Erfahrungen mit Sexualit\u00e4t. Nicht zuletzt wie die Eltern der Heranwachsenden miteinander umgehen \u2013 auch abseits des rein Sexuellen. Eine Rolle spielen noch die eigene Affinit\u00e4t zu Gewalt und Unterwerfung, zu Provokation und Einsatz drastischer Mittel im Geschlechterkampf, ein Habitus von St\u00e4rke und und und &#8230; Unterm Strich muss einiges zusammenkommen, damit sich ein junger Mensch im wirklichen Leben benimmt wie im Porno oder auf der maskulinen B\u00fchne der Porno-Rapper. Und selbst dann bleibt noch die Frage, ob er sich ohne die medialen Inhalte nicht vielleicht ganz \u00e4hnlich benehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Besteht wirklich eine Gefahr der Nachahmung oder untersch\u00e4tzen wir die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen, das Gesehene einzuordnen und als nicht real einzustufen?<\/strong><br \/>\nAls Erwachsene untersch\u00e4tzen wir die Medienkompetenz Heranwachsender eigentlich immer. Zumindest sehen wir vor allem das, was sie alles noch nicht k\u00f6nnen \u2013 und machen schnell Gef\u00e4hrdungen aus. Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen ja bereits die J\u00fcngsten ganz gut sehen, wir auch, dass im Porno tats\u00e4chlich Sex gemacht wird. Das ist ja schon auch &#8218;real&#8216;, da muss man gar nicht erst mit dem gestiegenen Angebot an Amateurpornos im Internet kommen. Bereits im Grundschulalter wissen Heranwachsende, das Medien von Menschen gemacht sind. Bei Einstieg in die Welt der Pornos wissen sie auch schon, dass das Blut im Actionfilm nicht echt ist.<br \/>\nDie Gefahr des &#8218;Nachahmens&#8216; besteht mit Blick auf bestimmte Dispositionen bei den Heranwachsenden immer: &#8222;Macht mich an, probier ich auch mal!&#8220;. Eine wirkliche Gefahr, also ein Problem f\u00fcr unser Zusammenleben, besteht ja eigentlich nur dann, wenn das Ausprobierte nicht in Ordnung ist \u2013 gemessen an unseren Gesetzen, gesellschaftlichen Normen und Werten. Und gemessen am Erziehungsziel, was wir im Bereich der sexuellen Entwicklung ja an der eingangs bereits angesprochenen \u201eselbstbestimmten, gleichberechtigten Sexualit\u00e4t der Geschlechter\u201c festmachen.<\/p>\n<p><strong>Wie sollten Eltern auf den Konsum von Pornos oder Porno-Rap bzw. eine selbst praktizierte sexuelle Freiz\u00fcgigkeit ihrer Kinder im Internet reagieren?<\/strong><br \/>\nWie reagiert jemand auf den Pornokonsum von jemanden, der mit ihm eigentlich nicht \u00fcber Sex reden mag? Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass auch Pornos und Porno-Rap Mittel zur Provokation, zur Abgrenzung von den eigenen Eltern sein k\u00f6nnen \u2013 auch sexualisierte Selbstdarstellungen. Es ist nat\u00fcrlich nicht einfach, ohne erhobenen moralischen Zeigefinger daf\u00fcr zu sensibilisieren, dass bestimmte Darstellungen, bestimmte Texte nicht in Ordnung gehen. Dann zeigen die Studien auch noch, dass sich der Pornokonsum vor allem m\u00e4nnlicher Heranwachsender entgegen des eigentlichen Pornografieverbotes verallt\u00e4glicht hat. Man geht sogar davon aus, dass die Jugendlichen den Eltern unterstellen, davon zu wissen, es sich denken zu k\u00f6nnen, weil: &#8222;Ich bin doch ein ganz normaler Junge!&#8220;.<br \/>\nBei einer selbst praktizierten sexuellen Freiz\u00fcgigkeit im Internet, also bei Facebook, WhatsApp, Instagram und wie sie alle hei\u00dfen, k\u00f6nnen Eltern noch recht gut daf\u00fcr sensibilisieren, dass das gepostete Foto auch in zehn Jahren noch im Netz ist. Auch daf\u00fcr, dass es diese Plattformen jederzeit verlassen kann. Der Bereich der Pornografie ist demgegen\u00fcber zu nah an den oft noch schambehaftetem Bereich der eigenen Sexualit\u00e4t, der sexuellen Vorlieben usw. Hier sind weniger die Eltern, auch nicht Lehrer, sondern Sexualp\u00e4dagogen gefragt, die in schulischen Veranstaltungen und in M\u00e4dchen- und Jungengruppen die Pornografieerfahrungen aufarbeiten und die Heranwachsenden f\u00fcr eine selbstbestimmte Sexualit\u00e4t stark machen.<\/p>\n<p>Dr. Daniel Hajok ist Kommunikations- und Medienwissenschaftler und Gr\u00fcndungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wie problematisch sehen Sie den relativ freien Zugang zu Pornoseiten im Internet? Mit weitgehend unkontrollierten Zug\u00e4ngen zum Internet haben Heranwachsende heute so fr\u00fch wie nie zuvor Zugang zu Pornografie. Problematisch ist das vor allem f\u00fcr Kinder, deren Skripte von Sexualit\u00e4t sich abseits realer Erfahrungen mit Sexualit\u00e4t gerade erst herausbilden. 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